Ego-Talk

Mein Frühstück besteht heute aus einer Tavor und einem Kräutertee. Ich habe meinem Ego soeben gestattet folgenden Satz aufzuschreiben: „Die Situation gerade ist aber auch besonders Tavor bedürftig. Das Ego will Schmerz immer rechtfertigen. „Du bist schuld!“ „Das brauch ich jetzt eben einfach!“ „Ich kann einfach nicht anders, es geht nicht!“ Typische Opferhaltung eben. Generell war ich mein Leben lang gegen Psychopharmaka. Jetzt muss ich sagen bin ich ganz froh mal so etwas genommen zu haben, denn ohne wäre die Dauer Panikattacke wirklich nicht zu ertragen. Ich befinde mich gerade in einer meiner schwersten Lebensphasen. Und ich hab schon wirklich viele schwere Episoden in meinem Leben durch. Der Unterschied zu den damaligen Situationen ist aber, dass ich mein Ego ein bisschen besser im Griff habe, bzw. erkenne was gerade Ego ist und was der andere Teil, die Liebe in mir. Also habe ich eben mal ein Gespräch mit meinem Ego angefangen, von dem ich sicher bin, dass es auch Dir in Deiner nächsten Krise helfen kann. Denn wenn Du Abstand nimmst von Deinen ‚von Angst behafteten Gedanken‘, ist das schonmal ein großer Schritt Richtung Freiheit und Heilung.

O.k. Here we go. Komm rüber auf nen Plausch Ego.

Mein Ego musst Du wissen, habe ich vor vielen Jahren einmal liebevoll „Narzissa“ getauft, weil mein Ego einen großen Hang zum Narzissmus hat. Narzissa trägt immer zu viel Schminke die meistens verheult ist, weil sie alles was ihr geschieht, dramatisiert. Ich sehe sie in meiner Innenwelt nie ohne ein Glas Martini. Sie trinkt IMMER. Hautenge Kleidung, damit man auch ja sehen kann, was sie mit ihren Ü30 noch für einen knackigen Körper hat, umschmeichelt sie. Die Haare fallen ihr stehts glatt und lang den Rücken herunter. Wie immer sitzt sie an meinem inneren Kraftort, wo ich mich am Meer an einem Tisch befinde, immer rechts von mir.
Ich sage zu ihr: „Was ist eigentlich gerade los mit Dir?“ Ein Blick von ihr der mich zu töten versucht. Sie fängt sofort hysterisch an zu schreien: „Diese Frage kann nicht Dein Ernst sein?! Du weißt das wir gerade alles verloren haben!“

Ich bleibe ruhig und sage ihr: „Nein das stimmt nicht.“

„Oh doch! Oh doch!!!“ Schreit sie mir mit aufgerissenen Augen entgegen. Sie beginnt ihre Worte mit wilden Gestikulation zu untermalen, wobei sie einen großen Schluck aus ihrem Martini Glas verkippt. Da Mrs. Narzissa Drama Queen nichts überlebenswichtiger ist als Alkohol, beruhigt sie sich schnell wieder.

Ich entgegne ihr ruhig: „Ich möchte Dich mal mit ein paar Fakten aufklären und versuchen Dich davon zu überzeugen, das es nicht so ist das wir alles verloren haben. Was wir verloren haben ist eine Vorstellung von der wir dachten wie unser Leben aussieht. Wir haben es uns gewünscht, aber es sollte so nicht sein. Ganz einfach.“

„Ganz einfach, ja klar!“ funkelt sie mich böse an.

„Ja meine Liebe, es wäre ganz einfach wenn Du nicht so an allen Dingen hängen würdest. Wenn Du flexibler wärst, wenn Du aus Dingen die Du besitzt keine Heiligtümer machen würdest. Wenn Du nicht Deine komplette Identität  in Deine Klamotten, in unser Haus, in den Garten, in unseren Mann und alles was Dir gerade verloren geht legen würdest. Das ist das was schmerzt. So viel zu besitzen. Nein, entschuldige, zu glauben, Du würdest es besitzen. Alles was Du besitzt, besitzt irgendwann Dich. Dir gehört hier gar nichts. An dem Punkt waren wir doch schonmal. Unsere damalige Single Wohnung ist geplatzt mit Dingen, dann wurden wir etwas minimalistischer und es ging uns besser, wir konnten besser durchatmen. Das was ich seit einem Jahr nicht richtig kann durch meine Zwerchfellverletzung. Durchatmen. Also bist Du nicht einmal auf die Idee gekommen das Du einfach zu viel hast und Dich das belastet?! Als wir aus der Wohnung in die neue kleine mit Stefan gezogen sind, war erst alles gut, aber dann kam es wieder dieses „mehr wollen“, im Luxus leben, tolle Antiquitäten besitzen, ein Königreich erschaffen. Dann kam zu der kleinen Wohnung die größere Wohnung nebenan und dann noch die Etage obendrüber, sodass wir fast ein komplettes Haus haben mit 300 qm Fläche zum Leben und 200 qm Garten. Du dachtest es sei Dein Traum, das Haus vom Glück mit großem Garten um den Du Dich kümmerst, aber sei ehrlich wie oft war es Dir zu viel so viel sauber zu halten, ordentlich zu halten, jeden Tag Unkraut wegmachen zu den Aufgaben die eh sonst noch anstehen? Du bist nicht einmal auf die Idee gekommen das es doch zu viel sein könnte und Du Dir damit eher etwas großes auflastest, statt glücklich und zufrieden einfach nur eine Wohnung zu genießen. Und das 2. Ist, es war DEIN Traum, aber Stefans eben nicht. Stefan will das einfach alles nicht mehr, und das müssen wir jetzt akzeptieren. Und ich muss sagen er hat recht. Wirklich brauchen tun wir 15 Räume nicht. Klar war es schön ein Ankleidezimmer zu haben, ein extra Musikzimmer mit Klavier, Gitarre, Didgeridoo, Waldhorn, Trompete…dann noch 3 extra Büros und einen Fitnessraum, aber wirklich brauchen tun wir es nicht. Du weißt, zum Leben brauchen wir  eigentlich nur eine Zahnbürste, ein Bett, Kleidung, eine Küche und Medikamente. Mehr braucht es nicht. Alles darüber hinaus ist Luxus. Ich weiß das Du das nicht so siehst und das absolut so nicht willst, aber Stefan will es so. Und wir müssen Veränderungen einfach akzeptieren, weil sich daran nichts außer die Einstellung dazu ändern lässt. Wie kann es also sein, das in uns eine so große Angst regiert alles zu verlieren, wo wir doch trotzdem noch so gut wie alles haben? Ganz ehrlich, ich hab auch gar kein Bock das ganze Haus leer zu räumen, weil ich denke ich schaffe das gerade einfach nicht und ich will es nicht.“

„Ja genau!“ Heult mein Ego.

„Ja, aber was ich Dir hier versuche beizubringen ist, das Gott etwas anderes, besseres mit uns vor hat. Und unsere Träumereien eben doch nicht in Erfüllung gehen sollen mit Yacht, Porsche und Ferienhaus auf Mallorca. Das ist alles super schade weil wir kein „normales Leben“ wollten, doch der Gedanke kommt ganz klar von Dir. Ich brauch das alles auch nicht. Ein Boot ist viel Arbeit und Verantwortung und die anderen Dinge auch. Ich hab gemerkt das ich mit viel weniger glücklicher bin. Du weißt wo ich am glücklichsten war, und das war in Estland bei meinem work & travel. Ich hatte nur ein winziges Zimmer wo Bett an Schreibtisch und mini Kleiderschrank stand. Kein Qm zum Bewegen und mein Rucksack, mit dem ich durchs Land gereist bin. Als ich von dieser Reise nachhause kam, hab ich erstmal ausgemistet, weil mir meine Wohnung wie ein verdammtes Einkaufscenter vorkam. Soviel Deko was an mir haftete! Alles raus! Das fühlte sich befreiter an. Und der einzige Zwiespalt in mir bist gerade Du. Die, die Geld will, so viel Geld und so viel materielles. Was war denn im Frühjahr als wir 180.000 € auf dem Konto hatten? Ging es uns gut? Waren wir glücklich? Hat sich irgendwas verändert? Nein! Im Gegenteil. Mit dem Geld kamen weitere Probleme, wir haben gemerkt das unser Ziel 20.000-30.000€ Umsatz zu machen, doch eigentlich Sinnlos ist, weil wir ganz normal leben. Einmal Luxus und zurück. So ist es jetzt eben. Und, es ist ja nicht so das wir gerade Obdachlos sind, so wie die Menschen gerade in unseren Nachbarstädten aufgrund der schlimmen Flut. Auch wenn die Gefühle gerade die gleichen sind von „alles verloren haben und nicht wissen wie es weitergeht.“

„Aber wir haben doch gerade alles verloren!“ Schreit mein Ego, kippt sich den letzten Schluck Martini hinter, ihre Schminke verläuft im Meer ihrer Tränen.

„Wie ich eben schon sagte, haben wir eigentlich nichts verloren. Du kannst nichts verlieren, was Dir nicht gehört. Hier in diesem Leben ist alles nur geliehen. Etwas mit Geld zu bezahlen, bedeutet nicht, dass es Dir gehört. Du kannst auch keinen  Menschen, kein Tier besitzen. Dein Partner gehört Dir nicht. Er ist ein eigenes Universum, und es kann jeden Tag passieren das dieser sagt „ich gehe, ich will nicht mehr, es ist aus.“ Im Grunde kannst Du nur Dich selbst besitzen. Du hast am Ende Deines Lebens nur das, was Du bei Deiner Geburt mitbekommen hast, Deinen Körper, Deine Seele, Deinen Geist. Du kannst nichts an materiellen Dingen mitnehmen, wenn Dein Körper zerfällt, also ist hier alles nur geliehen. Deshalb sollten so viel mehr Menschen wertschätzender und schützender mit ihren Dingen umgehen.“

„Ich kann das einfach nicht so sehen wie Du, weil das Leben hier für uns perfekt war!“

„Du dachtest es sei so, aber gesund und glücklich waren wir hier trotzdem nicht. Dieses Haus und den Standort finde ich auch nach wie vor wundervoll, ich möchte auch nicht hier weg, ich genieße den Rheinblick jeden Tag. Ich hätte Vorzüge wenn ich hier wohnen bleiben würde, aber ich weiß nicht wie es ist, wenn die Wohnungen die wir gerade haben mit fremden vermietet werden. Dann ist das nicht mehr mein Haus. Und vielleicht würde ich nur auf Stefan warten bis er wieder die Tür rein kommt. Also kann es sein das auch ich hier einfach weg muss. Da ist jetzt ganz viel Ungewissheit wie es weiter geht. Ich weiß, das fühlt sich scheiße an.“

„Es ist so grausam ich halte das nicht aus!“

„Ja, wie oft waren wir an dem Punkt schon, Du redest mir seit einem Jahr ein, Du würdest es nicht aushalten und, schau uns an, wir sind noch hier. Ich muss Dir jetzt befehlen Dich an Fakten zu halten. Und die Fakten sind, das wir erstmal nur eine Wohnung im Haus aufgeben um uns zu verkleinern und nicht alles. Fakt ist, Stefan ist noch da und noch nicht gegangen, wir sind NOCH nicht von ihm getrennt. Fakt ist, ja wir sind gerade zu krank um arbeiten zu gehen, aber wer weiß wie lange das noch anhält, Du denkst zwar ein Leben lang, aber ich sage Dir nichts hält ein Leben lang. Wir müssen jetzt nach vorne gucken!“

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